Im Okavango-Delta

Wann immer ich früher Bilder von Afrika aus dem Okavango-Delta gesehen habe, dachte ich, da will ich hin! Es gab genau zwei Ziele während der ganzen Reise, die auf meiner Da-muss-ich-im-Leben-nochmal-hin-Liste standen. Das eine war Vietnam – und es war wirklich so schön, wie ich immer gedacht hatte. Das andere war das Okavango-Delta. Was soll ich sagen – auch das ist wirklich so schön, wie ich es mir vorgestellt habe.

Am Sonntag, den 19. Mai, kam ich mit meinem gefühlt immer noch nassen Auto im Audi-Camp an. Fragt mich nicht, woher der Name kommt. Er hat auf jeden Fall nichts mit dem Ingolstädter KFZ-Hersteller zu tun. Nach einer Nacht in dem zwar einfachen, aber ganz hübschen Camp, ging es am Morgen des 20. dann gegen halb acht los. Mit mir unterwegs war ein schwedisch/amerikanisches Ehepaar mit ihrem Enkelsohn. Erst mal mussten wir zwei Stunden mit einem Jeep zur Mokoro-Anlegestelle fahren. Denn das war der Trip, den ich gebucht hatte: 2 Nächte und 3 Tage mit dem Mokoro, dem traditionellen Einbaum der lokalen Bevölkerung, durch das Okavango-Delta. Nachdem als erstes mal auf einer nicht gerade stabilen Holzbrücke die Anhängerkupplung abgebrochen war und wir eine Stunde auf ein Ersatzfahrzeug warten mussten, kamen wir mit etwas Verspätung an. Die „Anlegestelle“ war nichts weiter als ein Stück Wiese, auf dem fast ein Dutzend der langen, schmalen Boote lag.

Traditionell werden die Mokoros aus dem Holz eines bestimmten Baumes hergestellt (leider habe ich vergessen, aus welchem). Da sie allerdings aus einem Stück gefertigt werden, muss immer ein ganzer Baum für ein einzelnes Boot gefällt werden. So hält die Regierung die Anwohner des Deltas mittlerweile an, Mokoros aus Fieberglaas zu nutzen. Nicht ganz so traditionell, dafür aber haltbarer und Baumbestand-schonender.

Aus dem Mokoro

Der Einbaum wird, ähnlich wie die Gondeln Venedigs, mit einem langen Stab voran geschoben. Für mich hieß das, ich konnte es mir vorne im Boot gemütlich machen, mich an die gestapelte Ausrüstung hinter mir lehnen und mich von Jacky, meinem persönlichen Guide, durch das Wasser schieben lassen. Eigentlich dachte ich ja, dass ich zumindest die erste Nacht mit den Schweden/Amerikanern verbringen würde (sie hatten nur eine Nacht gebucht). Aber als wir nach anderthalb Stunden durch die Landschaft gleiten an einem Platz zum Campen ankamen, sagte mir Jacky, dass die drei einen eigenen Zeltplatz hätten. So war ich denn drei Tage mit einem Koch, zwei Gondolieren, von denen einer den Koch und der andere nur Ausrüstung transportiert hatte, und Jacky alleine. Vier Leute nur für mein Wohlbefinden…

Okavango Delta

Das Camp, was wir dann errichteten war tatsächlich mal ein Naturerlebnis, wie ich es haben wollte. Irgendwo auf einer Insel wurden die Zelte unter ein paar Bäumen aufgebaut. Hinter dem nächsten Busch grub jemand ein Loch in den Boden – die Toilette. Der Koch baute noch einen Tisch und einen Trinkwasserkanister auf und die beiden Gondoliere entzündeten ein Feuer, welches von da ab eigentlich durchgängig brannte. Denn Irgendetwas war immer zu erhitzen. Ständig kochte z.B. ein großer Topf mit Wasser, damit es warmes Wasser zur Verfügung gab zum Waschen.

Bis auf das Trinkwasser aus dem Kanister, welches eigentlich nur für mich war, wurde alles mit dem Wasser direkt aus dem Okavango gemacht. Wir hatten zwei Schüsseln, in denen wir das Geschirr darin spülten, es gab zwei offene Wassersäcke an Ständern, die als Waschbecken fungierten (natürlich mit warmem Flusswasser), der Kaffee wurde mit Flusswasser gekocht, das Essen ebenso und Jacky und die beiden Gondoliere, die alle aus dem gleichen Dorf nahe der Anlegestelle kamen, tranken auch einfach direkt aus dem Fluss.

Und der war überall. Der Okavango ist einer der wenigen Flüsse der Welt, der von seiner Quelle nicht ins Meer fließt, sondern sich immer weiter auffächert und schließlich in der Kalahari versickert, bevor er einen Ozean erreichen kann. Als Ergebnis ist die Landschaft seines Deltas geprägt vom Wasser. Es gibt Unmengen an Inseln, angefangen mit kleinen, die nur ein paar Meter groß sind, bis zu solchen, über die man stundenlang laufen kann. Das Wasser ist je nach Jahreszeit und Stelle zwischen ein paar Zentimetern und zwei Metern tief. Jetzt, ein paar Monate nach der Regenzeit weiter im Norden, schwillt der Okavango an. Die Gras- und Baumlandschaft, über die wir gelaufen sind, wird in einem Monat komplett überflutet sein. Im afrikanischen Sommer, also im November/Dezember wird hingegen weniger Wasser vorhanden sein, als noch im Moment. Und so wechselt das Bild, dass der Fluss malt, jedes Jahr von trocken zu überflutet, zu trocken, zu überflutet, zu …

Irgendwo im Delta

Der Fluss selber wiederum ist geprägt von Pflanzen. Überall gibt es Wasserpflanzen, Wasserlilien, Bäume, die die Hälfte des Jahren im Wasser und die andere auf dem Trockenen stehen, Schilf, … Und fast alle Pflanzen werden von den Einwohner verwendet.

Wir haben jeden Morgen und Abend eine Tour gemacht. Am zweiten Abend hat Jacky mich schweigend durch den Sonnenuntergang gestakt, ansonsten sind wir über die Inseln gewandert. Dabei hat er mir Unmengen an Dingen erklärt, von denen ich leider die meisten schon wieder vergessen habe. Zum Beispiel eben, wofür welche Pflanzen verwendet werden. Aus welchem Gras sie die Dächer für ihre Lehmhütten machen, aus welchen Bäumen sie die Mokoros fertigen, mit welchen Pflanzen sich traditionell Krankheiten behandeln lassen und mit welchen Blättern man sich als Moskitoschutz einreiben kann. Dazu habe ich ein wenig gelernt die Spuren der Tiere zu erkennen oder dass ich am Dung erkennen kann, ob es sich um einen Wiederkäuer handelt (hier hauptsächlich Büffel).

Überall Wasser

Auch irgendwo im Delta

Es ist eine ganz andere Erfahrung, wenn man die Natur und vor allem die Tierwelt, wie in den Nationalparks, aus dem Auto bestaunt, oder wenn man mitten durch läuft. Erst als ich wirklich direkt neben einem Termitenhügel stand, der deutlich größer war, als ich, wurde mir klar, wie groß die Dinger sind. Und erst als ich zum Ausblick auf einen gestiegen bin, wusste ich, wie stabil sie sind. Das war tatsächlich Afrika, wie ich es erleben wollte.

Afrika

Wir haben an den drei Tagen nicht besonders viele Tiere gesehen, aber es hat gereicht, um mich zu begeistern. Die Zebras sind vor mir hergelaufen und die Giraffen haben mich von hoch oben aus 10 Metern Entfernung komisch angeglotzt.

Giraffen im Delta

Das Zebra ist übrigens das „Nationaltier“ Botswanas. Schön fand ich die Erklärung, die Jacky mir dazu gab. Das Land hatte einen Präsidenten, ein schwarzer Mann, der mit einer weißen Frau verheiratet war. Und um diese Vereinigung von Schwarz und Weiß zu symbolisieren eignet sich das eben so gefärbte Zebra hervorragend.

Botswanas Nationaltier

 

Wie ich eben schon geschrieben habe, sind wir am zweiten Abend mit dem Einbaum durch den Sonnenuntergang gefahren. Ein Erlebnis, dass sich schwer beschreiben lässt. Jacky hat diesmal kaum etwas erklärt und mich einfach schauen lassen. Und ich habe geschaut – und wie. Ich habe ständig den Kopf geschüttelt, weil die Landschaft und das Erlebnis so unglaublich schön waren. Ich saß im Boot, hörte nichts außer dem leisen Plätschern des Wassers und den Vögeln. Ab und an grunzte in der Ferne ein Hippo. Es war so unglaublich … friedlich.

Jacky fährt mich

Das war der Punkt, an dem ich restlos überzeugt war. Ich war so begeistert, dass ich es selber schon fast albern fand. Aber ich kann es nur wiederholen – das Okavango-Delta ist unfassbar schön. Und das Erlebnis, mitten drin zu sein, ohne andere Touristen, ohne Luxus wie Strom oder fließendes Wasser, ohne Zäune oder die Autokabine um sich herum, war schon ein Hammer.

Sonnenuntergang im Okavango Delta

Mokoro im Sonnenuntergang

Als wir am dritten Tag, nach einer weiteren morgendlichen Wanderung und einem Brunch, mittags zurück gefahren sind, haben wir noch ein paar planschende Nilpferde gesehen. Die riesigen Tiere hatten offensichtlich Spaß, sich im Wasser zu wälzen, hin und her zu schwimmen und sich den Okavango aus der Nase zu prusten. Und ich hatte Spaß, ihnen dabei zuzusehen – in einem Einbaum, in nur zehn Metern Entfernung… Es ist tatsächlich etwas ganz anderes, aus dem Auto heraus zu beobachten, oder direkt dabei zu sein.

Badendes Nilpferd

 

Vor ein paar Monaten hat mich ein griechischer Freund, den ich noch aus Stockholm kenne, gefragt, welches der schönste Ort war, den ich bisher gesehen habe. Ohne zu zögern oder groß nachdenken zu müssen, habe ich ihm geantwortet: wenn wir über Städte reden Sydney, wenn wir über Kultur reden Machu Picchu und wenn wir über Natur reden die Anden. Jetzt würde ich die Anden durch das Okavango-Delta ersetzen. Nachdem ich nun im wörtlichen Sinn einmal um die ganze Welt gereist bin, ist das Okavango-Delta mit Abstand der schönste Flecken Erde, den ich gesehen habe!

 

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